Mit einer bereits beeindruckenden Laufbahn sowohl in der akademischen Welt als auch in der Privatwirtschaft wurde Aziza Chaouni im Juli 2025 an der Fakultät für Architektur, Bau- und Umweltingenieurwissenschaften (ENAC) als tenure-track assistant professor für Architektur und nachhaltiges Bauen ernannt. Sie leitet das neue South-North Laboratory for Sustainable Construction and Conservation (SoNo) am Smart Living Lab (SLL) in Freiburg. In diesem Interview erzählt die aus Marokko stammende Forscherin mehr über ihren akademischen Werdegang, ihre zukünftigen Forschungsprojekte sowie ihre ersten Eindrücke vom SLL, vom gleichnamigen neuen Gebäude und von ihrer neuen Wahlheimat Freiburg.

Wie würdest du deinen Werdegang in wenigen Worten beschreiben?

Ich habe meinen Bachelor in Bauingenieurwesen an der Columbia University in New York gemacht und anschließend meinen Master in Architektur an der Harvard University, wo ich ein Forschungsstipendium erhielt. Damit konnte ich Feldforschung zu autonomen Gebäuden im Zusammenhang mit Ökotourismusprojekten in der gesamten Sahara durchführen. Danach hatte ich die Möglichkeit, für den Architekten Renzo Piano in Paris zu arbeiten, bevor ich als Associate Professor an die Universität Toronto (Kanada) berufen wurde. Dort habe ich meine Forschung zu Ökotourismus-Infrastrukturen in verschiedenen Ländern wie Australien, Chile oder Peru weitergeführt und habe dort 18 Jahre lang nachhaltige architektonische Methoden und Innovationen aus Ländern des Globalen Südens unterrichtet.

Was hat dich dazu bewegt, Kanada zu verlassen und an die EPFL zu kommen?

Meine Hauptmotivation war es, Teil des Smart Living Lab zu werden. Hier kann ich im PopUp-Atelier Prototypen im Maßstab 1:1 testen und verschiedene Arten von CO₂‑armen Materialien für den Bau von Wohnraum entwickeln – ein Bereich, in dem die Nachfrage in den Ländern des Südens aufgrund des starken Bevölkerungswachstums besonders hoch ist. Mit meinem Team testen wir derzeit die Herstellung von LC3‑Zementsteinen (Anm.: «Limestone Calcined Clay Cement», an der EPFL entwickelt, reduziert die CO₂‑Emissionen um 40%), die sich wie Legosteine ineinanderfügen und so eine Mauer ohne Mörtel ermöglichen. In Toronto fehlte mir der Platz für solche Experimente.

Neben CO₂‑armen Materialien – was sind deine weiteren Forschungsschwerpunkte?

Ein weiterer zentraler Schwerpunkt ist die Restaurierung historischer Gebäude, die einerseits das Kulturerbe bewahrt und andererseits den CO₂-Fußabdruck der Bauindustrie verbessert. Derzeit entwickle ich eine langfristige Partnerschaft mit dem World Monuments Fund (Anm.: eine NGO, die weltweit außergewöhnliche historische Stätten schützt und restauriert). Eines der Projekte betrifft den Erhalt des «Maison du Peuple» in Burkina Faso, einem großen, natürlich belüfteten Auditorium. Diese Zusammenarbeit wird es ermöglichen, neue Materialien zu testen, eine Publikation zu erstellen und Konferenzen afrikanischer Architektinnen und Architekten in der Schweiz zu organisieren.

Das "Maison du Peuple" in Ouagadougou, Burkina Faso, im Jahr 2012. ©Sputniktilt/ CC BY-SA 3.0

Brücken zwischen dem Globalen Süden und der Schweiz zu schlagen, wird auch ein zentraler Bestandteil deiner Lehre sein, oder?

In meinem Kurs zur Gebäudetechnologie werde ich Beispiele aus Ländern des Südens vorstellen, die an extreme Hitze, hohe Luftfeuchtigkeit, starke Temperaturschwankungen oder Überschwemmungen angepasst sind, damit die Studierenden über Lösungen für das Schweizer Klima im Jahr 2100 nachdenken. Außerdem möchte ich einen intensiven Sommerkurs einführen, bei dem die Studierenden zwei Wochen lang an der Restaurierung historischer Gebäude in Marokko, Ghana oder Sierra Leone arbeiten – gemeinsam mit Menschen vor Ort. Mein Ziel ist es, sie mit anderen architektonischen Ansätzen zu konfrontieren, um ihre Neugier und ihr Wissen zu erweitern.

Mein Ziel ist es, die Studenten mit anderen architektonischen Ansätzen zu konfrontieren, um ihre Neugier und ihr Wissen zu erweitern.

Wie siehst du den Beitrag deiner Forschung für das Smart Living Lab?

Ich sehe viele mögliche Synergien. Ich denke etwa an das Institut TRANSFORM, das an der Wiederverwendung von Gebäuden im Norden arbeitet. Einige ihrer Methoden können unsere Forschung bereichern, und umgekehrt können Techniken aus dem Süden ihre Arbeit hier inspirieren. Ich stelle mir auch Kooperationen mit dem SXL‑Labor vor, da es im Süden viele Ruinen gibt, deren Trümmer wiederverwendet werden könnten. Und das HOBEL‑Labor könnte uns helfen, kostengünstige passive Kühlsysteme für Prototypen von Häusern zu entwickeln, die wir in Sierra Leone und Tansania installieren möchten.

Synergien zu stärken ist eines der Ziele des neuen SLL‑Gebäudes. Was sind deine ersten Eindrücke von diesem weltweit einzigartigen Bauwerk?

Ich freue mich darauf, dort einzuziehen und Technologien aus dem Süden zu testen. Das Dach des neuen Gebäudes wird es beispielsweise ermöglichen, pflanzliche Dämmstoffe zu erproben – ähnlich wie in Ländern des Südens, wo urbane Landwirtschaft auf Dächern betrieben wird, um Flächen zu nutzen und gleichzeitig Gebäude zu isolieren. Und warum sollten wir die demontierbaren Fassaden des SLL nicht nutzen, um mit Naturmaterialien wie geflochtenem Stroh zu experimentieren?

Das Gebäude wird dazu beitragen, Freiburg zu einem Innovationsstandort zu machen. Wie sind deine ersten Eindrücke deiner neuen Wahlheimat?

Meine Familie und ich freuen uns, in einer überschaubaren Stadt zu leben, in der alles gut erreichbar ist. Es ist ein großes Privileg, sowohl in der Nähe von Grünflächen wie den Ufern der Saane als auch der historischen Altstadt zu sein. Keine Woche vergeht, ohne dass ich die die Kathedrale besichtigen gehe. Und ich schätze die Freundlichkeit der Menschen. Meine 80‑jährige Nachbarin bringt mir so viel über Freiburg bei. Deshalb möchte ich mich in das kulturelle und gesellschaftliche Leben der Stadt einbringen und Veranstaltungen organisieren. Ich habe bereits einen Workshop an der Schule meines Sohnes zum Thema nachhaltige Architektur vorgeschlagen.

Kontakt

Aziza Chaouni

Head of SoNo Lab
Tenure Track Assistant Professor- EPFL
-low carbon and reusable
-sustainable architectural technology
-environmental awareness

Information

Laboratoire Sud-Nord de la construction durable et de conservation (SoNo)

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